Ein Ort ohne Angst

Frauen haben es auf der Straße besonders schwer: Als Obdachlose werden sie häufig beraubt oder sexuell ausgebeutet. Ein neuer Tagestreff soll ihnen einen sicheren Rückzugsraum bieten.

von Simon Benne

Sie ist noch nicht lange in der Stadt. Vor zwei Monaten ist sie aus Italien gekommen, und sie sagt, dass sie Arbeit suche. „Im Moment übernachte ich in der kleinen Wohnung einer Freundin“, erzählt Anna. Sie weiß selbst, dass das keine Dauerlösung ist. Aber genug Geld für eine eigene Bleibe hat sie auch nicht.

Die 45-Jährige sitzt am Tisch des gemütlichen Aufenthaltsraums, als Lars Setzepfandt Kaffee und Kekse hereinbringt. Er engagiert sich im Verein Bollerwagen-Café, der sich für Bedürftige und Obdachlose einsetzt. Anna zählt zu den ersten Gästen des neuen Tagestreffs für Frauen, den der Verein jetzt in der Oststadt eröffnet hat.

„Frauen haben es auf der Straße besonders schwer“, sagt Sandra Lüke, die Gründerin des Bollerwagen-Cafés. „Sie erleben Gewalt, werden vergewaltigt oder beraubt.“ Wenn es zu Streitereien komme, seien Frauen den körperlich überlegenen Männern häufig schutzlos ausgeliefert, sagt Lüke. „Und oft bekommen sie Schlafplätze gegen sexuelle Dienste angeboten.“

Der am Mittwoch offiziell eröffnete Tagestreff soll ein sicherer Rückzugsort für Frauen sein. „Hier können sie zur Ruhe kommen und brauchen keine Angst zu haben“, sagt Lüke. Die 54-Jährige initiierte im Oktober 2015 ein erstes Hilfsangebot für Obdachlose: Mit dem Bollerwagen zog die gelernte Krankenpflegerin los, um Kaffee und Brote an Menschen auf der Straße zu verteilen.

Daraus ist längst ein Großprojekt geworden: Rund 30 Ehrenamtliche sind regelmäßig mit dem Transporter des Vereins unterwegs. Sie versorgen Betroffene in verschiedenen Stadtteilen und jeweils dienstags am Raschplatz mit Lebensmitteln. Außerdem helfen sie, Hausrat oder Möbel für sozial Schwache zu organisieren. Seit April 2021 hat der Verein seine vor allem als Lager genutzten Räume in der Hagenstraße in der Oststadt.

Essen, duschen – und Kosmetik

Im selben Haus hat das Bollerwagen-Café jetzt den neuen Tagestreff eingerichtet. „Wir wollen Frauen ein angenehmes Umfeld bieten“, sagt Lüke. Es gibt hier eine Essensausgabe für Bedürftige, Frauen können sich bei Kaffee und Keksen ausruhen. Sie dürfen eine Nähmaschine und einen Computer mit Drucker benutzen, es gibt Schließfächer für Wertsachen, eine Waschmaschine, einen Trockner. Und ein Buchhändler bestückt ein eigens installiertes Bücherregal.

„Hier bauen wir noch eine ebenerdige Dusche ein“, sagt Sandra Lüke beim Rundgang durch die rund 70 Quadratmeter großen Räume, die sieben Jahre lang leer gestanden hatten. Davor waren hier die Büros einer Gebäudereinigungsfirma untergebracht. Langfristig sollen hier auch Notschlafplätze entstehen, sagt die Bollerwagen-Chefin.

Das gesamte Projekt sei über Spenden finanziert, viele Freiwillige haben bei der Renovierung ehrenamtlich mit angepackt. „Wir hoffen, dass der Tagestreff 2024 von der Stadt offiziell anerkannt wird“, sagt Lüke. Dann würde die Stadt sich an den Kosten für Miete und Personal beteiligen.

„Altersarmut ist oft weiblich“

Im Tagestreff hilft das Bollerwagen-Team den Frauen auch bei Anträgen und Formularen. Es unterstützt sie bei Arztbesuchen, und regelmäßig sollen hier auch eine Friseurin und eine Kosmetikerin ihre Dienste anbieten – zur menschlichen Würde gehört eben mehr als nur die Versorgung mit dem Nötigsten. Daneben gibt es ein Ergotherapie-Projekt: „Die Frauen können faustgroße weiße Steine bunt bemalen und in der Stadt auslegen“, sagt Lüke, „zum Mitnehmen oder Weiterreichen.“

Zu den ersten Besucherinnen zählt am Mittwoch auch Karin. Die 79-Jährige ist Stammkundin bei den Essensausgaben des Bollerwagen-Cafés. Sie hat zwar eine eigene Wohnung, aber wenig Geld – und sie genießt es, hier umsonst einen Kaffee trinken zu können: „So kommt man mal raus und kann mit Leuten sprechen“, sagt sie. Die Räume gefallen ihr gut: „Ich werde hier häufiger herkommen“, sagt sie.

Zwei Damen am Nebentisch nicken zustimmend. Beide stammen aus Osteuropa. Maria ist 85 Jahre alt und lebt von Grundsicherung. „Altersarmut ist oft weiblich“, sagt Lüke. Sie rechnet damit, dass die Armut in der Stadt durch den Krieg in der Ukraine noch wächst – nicht nur unter Geflüchteten, sondern vor allem durch einen Anstieg der Lebensmittelpreise.

Auch für das Bollerwagen-Café, das teils abgelaufene Produkte von Supermärkten geschenkt bekommt, werde es zunehmend schwierig, an Lebensmittel zu kommen. „Und die hohen Dieselpreise tun uns jetzt richtig, richtig weh“, sagt Sandra Lüke: „Wir brauchen dringend Unterstützung.“

Quellenangabe: HAZ vom 17.03.2022, Seite 19
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