Wirbel um Obdachlosen-Camp

Die Stadt duldet das Zelten unter dem Vordach des einstigen Karstadt-Gebäudes /CDU fordert eine Durchsetzung des Verbotes / Kenner der Szene werben für Verständnis

Von Christian Bohnenkamp

Eine Nachnutzung für die seit Oktober 2020 leer stehende Karstadt-Immobilie im Herzen von Hannovers Innenstadt ist noch immer nicht in Sicht. Mittlerweile hat sich das Umfeld des Gebäudes zunehmend als Treffpunkt und Schlafstätte der Obdachlosenszene etabliert. Im Bezirksrat Mitte gab es deshalb am Montag Kritik. Aus Sicht von CDU-Mann Frank Stephan Laske entsteht dadurch der „falsche Eindruck, dass Hannover nichts für Obdachlose tut“.

Seine Fraktion hakte deshalb im Bezirksrat nach und wollte per Anfrage von der Stadt wissen, ob die Karstadt-Arkaden aus Sicht der Stadt als Zeltplatz geeignet seien. Wie Stadtbezirksmanagerin Claudia Göttler berichtete, ist das nicht der Fall. Das Areal erfülle „zweifellos nicht die Anforderungen“ der Verordnung über Campingplätze, Wochenendplätze und Wochenendhäuser.

Räumungen halten einen Tag

Göttler stellte auch klar, dass das Zelten auf öffentlichen Straßen und Anlagen verboten sei. Dass dieses am Karstadt-Gebäude offenbar dennoch geduldet wird, sorgte für Ärger bei der CDU. „Wenn es ein Verbot gibt, dann muss das Verbot auch umgesetzt werden“, forderte Laske.

Laut Bezirksmanagerin Göttler fanden in der Vergangenheit „auch Reinigungen und Räumungen statt“. Diese seien allerdings „nicht nachhaltig“ gewesen. Die Obdachlosen würden aktuell täglich aufgefordert, ihre Zelte abzubauen. Dem kämen diese „in der Regel auch für den Tag nach“.

Der Aufforderung der CDU, gegen die Situation mit Bußgeldern vorzugehen, erteilte Göttler eine Absage. Es sei „relativ zwecklos, gegen armen Menschen, die sowieso nichts haben, ein Bußgeld auszusprechen“. Wenn sich die Obdachlosen an „gewisse Spielregeln“ hielten, sei das Übernachten unter den Karstadt-Arkaden aus Sicht der Stadt „in Ordnung“, so Göttler.

Wie Marion Feuerhahn vom neu gebildeten Fachbereich Gesellschaftliche Teilhabe berichtete, sind die Karstadt-Arkaden einer der Arbeitsschwerpunkte der städtischen Straßensozialarbeit. Denn das Übernachten im Freien sei auch bei Plusgraden lebensgefährlich. Das Ziel sei, den Obdachlosen Alternativen aufzuzeigen. Das allerdings gelinge nicht immer. Einige wollten diese Hilfen nicht annehmen. Die Situation unter den Karstadt-Arkaden sei allerdings kein Einzelfall. So etwas gebe es in allen großen Städten.

Katharina Pätzold von der städtischen Straßensozialarbeit warb um Verständnis für die Obdachlosen. „Manche bekommen Angst, wenn sie in einer Wohnung oder Unterkunft übernachten sollen“, sagte sie. Die Obdachlosen seien bemüht, sich an die Vereinbarung zu halten, die Zelte nach der Nacht wieder abzubauen, so Pätzold.

Grüne Kritik an Forderungen

Bei den Grünen im Bezirksrat sorgte die Forderung der CDU nach einem konsequenteren Vorgehen gegen das Übernachten für Unmut. Fraktionschef Arne Käthner warf den Christdemokraten vor, dass ihre Anfrage an die Stadt „im Ton völlig unangemessen“ sowie „respektlos gegenüber der Verwaltung und den Betroffenen selbst“ gewesen sei.

Lob für den Kurs der Stadt gibt es von Martin Prenzler, Geschäftsführer der Citygemeinschaft. „Anfang Januar hat es zeitweise vor dem Karstadt-Gebäude noch schlimm ausgesehen. Aber die Streetworker haben das wirklich in den Griff bekommen“, berichtet er. Die Obdachlosen würden sich benehmen und störten Passanten nicht. Zudem würde täglich sauber gemacht.

Quellenangabe: HAZ vom 26.01.2022, Seite 14